Eine wahre Geschichte, passiert am 09. November 1989 

Geschrieben von siteadmin am in Neuigkeiten

November 2017
Eine wahre Geschichte, passiert am 09. November 1989

Am 9. November 1989 waren Dodo und Philipp über die Grenze von West- nach Ostberlin gefahren, um eine Aufführung im Brechtheater zu besuchen. Nach der Vorstellung gingen sie im Palast der Republik essen. Das Taxi für die Rückfahrt hatten sie schon bestellt. Doch als sie das Restaurant verließen, war die Welt eine andere.

Es dauerte. Dodo und Philipp gingen die Stufen hinunter, um dem Taxi entgegen zu gehen, aber das Taxi kam nicht. Dafür sahen sie vor sich ein Meer von DDR-Wagen, einer dem anderen gleichend, in stumpfen Farben, klein und wenig vertrauenerweckend, in der Vielzahl eine graue Masse.
Um kurz vor acht schloss vor ihnen ein Mann seinen Wagen auf, einen Wartburg, und wollte einsteigen. Philipp sprach ihn an, diese kurze Strecke sei doch sicher kein großer Umweg, und gegen gutes Westgeld könne er doch vielleicht ihnen den Gefallen tun. Der Mann überlegte einen Moment.
„Steigen Sie ein!“
Er fuhr direkt vor den Bahnhof Friedrichstraße. Dankbar reichte Philipp dem Mann einen größeren Geldschein, aber er wehrte ab.
„Bitte behalten Sie Ihr Geld, ich bin Abgeordneter der Volkskammer und auf Trinkgelder nicht angewiesen.“
Philipp und Dodo gingen weiter zur Sperre. Vor dem Übergang nach Westberlin stand eine große Menschenmenge. Beim Näherkommen sahen sie Kameraleute, die mit ihren Strahlern die Menschen beschienen und filmten. Die Menschen drängten in Richtung Absperrung und diskutierten mit den dahinter stehenden Grenzposten. Ein die anderen überragender Berliner schien der Sprecher zu sein; er verhandelte mit den Grenzern.
„Wat soll denn det? Mach endlich uff! Nu hab dir ma nicht so. Wir wollen ja nur mal für ’ne Stunde rüber, wa, kommen doch jleich retour.“
„Herrschaften, nehmt doch Vernunft an, geht zum Amt und stellt einen Besucherantrag. Ohne Besuchserlaubnis kann ich niemanden passieren lassen.“
„Der Mensch hat von nischt ’ne Ahnung. Haste denn nich’ jehört, wat der Schabowski im Fernseh’n jesagt hat? Häng dir ma ans Telefon, die andern Übergänge sind schon alle offen.“
Der Grenzoffizier ging und war gleich wieder zurück. Man sah an seinem Gesicht und an seiner veränderten Haltung, dass etwas für ihn Unfassbares geschehen sein musste. Er öffnete das Gitter, die Menschen drückten das Tor auf und strömten an ihm und den anderen wie starr dabeistehenden Grenzern vorbei, Dodo und Philipp mit ihnen. Als Philipp an dem Offizier vorbeikam, sprach er ihn an.
„Da werden ja jetzt sicher einige von Ihnen arbeitslos werden.“
Der Offizier streckte sich und schaute Philipp streng an.
„Arbeitslos? Im Gegenteil, es muss doch alles seine Ordnung haben.“
Philipp sah die vielen Menschen, die sich lachend in den Armen lagen, wild durcheinander tanzten und ein über das andere Mal riefen: „Wahnsinn, das ist ja Wahnsinn!“
Dodo, die mit dem Strom der Menschen von Philipps Seite weggespült worden war, kam zu ihm zurück.
„Philipp, ist das nicht wunderbar! Wir haben mitgeholfen, die Mauer zu öffnen.“
Sie umarmte ihn und gab ihm einen Kuss. 

Aus dem Buch von Otto Sindram: Gesang der Lerchen