Adventszeit
Das Jahr geht ins Land. Auch mit dem Kastanienlaub nimmt᾿s ein Ende, und die Rosen haben Stroh um die Veredlungsstelle gelegt bekommen. Um den Lavendel brauchen wir uns erst zu kümmern, wenn Dauerfrost einsetzt, die Außenwasserhähne sind abgestellt, die schweren Kübel mit den Zitrusgewächsen in die Tenne geschafft … Doch mit der beginnenden Adventszeit kommt auch angenehme Arbeit auf uns zu: Eine Lichterkette findet den Weg in den großen Salbeibusch vor der Küchenterrasse, dessen immergrünes Silberlaub durch die kleinen Lichter im Mondlicht leuchtet und bei sanftem Wind tanzt; eine zweite in die langen Weidenruten, die in einer alten, großen Milchkanne aus Zink in der Tenne ihren Platz haben. In der Ecke zum Nebeneingang unter der Remise steht ein großer Hexenbesen mit dem Reisig nach oben, davor liegt ein Strohballen. Auch sie bekommen eine Lichterkette. Aus dem Backhaus leuchtet das schwache Licht einer kleinen Stehlampe, selbst hier zieht die kommende Weihnachtszeit ein. Alles wird mit Zeitschaltuhren versehen, damit sich das »Sich-Kümmern« in Grenzen hält.

»Paula, wir können wieder lange Spaziergänge machen, die Ruhe ist zurückgekehrt.« Freudig begeben wir uns auf den Weg. Doch was ist das? Nicht dass der Spaziergang zu kurz gewesen wäre, im Gegenteil, aber zum Ende verlasse ich doch glatt den Weg, um noch Tannenzapfen für die Adventslichter im Haus zu sammeln. Tannenzweige habe ich schon aus unserem Garten geholt, doch Zapfen waren keine da. Anfangs findet es Paula immer spannend, den Weg zu verlassen. Die Eichelhäher kreischen, weil wir sie stören, manchmal springt ein Eichhörnchen von Baum zu Baum und gibt Anlass zur Aufregung, oder wir scheuchen eines auf. Und trotzdem: Nach einiger Zeit der Sucherei langweilt sie sich doch. Das kennt sie schon vom Pilze-Suchen. Sie lässt uns dann gewähren und hält Wache, diese aber lieber auf dem Weg, denn nur dort können sich die wirklich interessanten Dinge abspielen: Begegnungen mit anderen Hunden, mit Menschen, die nach Hunden riechen, oder mit Unbefugten, die hier gar nichts zu suchen haben, zum Beispiel. Ich habe sie zwar immer im Auge, doch einmal war sie dennoch plötzlich verschwunden, was mir einen mächtigen Schreck einjagte. Sie war einfach nach Hause gegangen. Als ich eintraf, tat sie so, als sei nichts geschehen, gleichzeitig zog sie die Marken ein wenig zusammen, und ich bemerkte einen leicht trotzig-vorwurfsvollen Ausdruck in ihren Augen. Natürlich war ich im Nachhinein froh, dass sie den Nachhauseweg genommen hatte, aber das wollte ich mir nicht anmerken lassen. »Pilze-Suchen ist nichts für dich, nicht wahr?« Nun – heute braucht Paula kaum zu warten, Tannenzapfen sind reichlich vorhanden. Also alles eingesammelt, soviel die Taschen fassen, und ab nach Hause.

Als dann das Kaminfeuer knistert und die Wärme den Raum durchströmt, duften die frischen Zweige so stark, dass sie den Geruch von Salbei und Rosmarin, die in kleinen Büscheln zwischen den Tannen liegen, überdecken. Die erste Adventskerze taucht den Raum in ein sanftes, schummeriges Licht, Paula streckt sich vor dem Kamin aus, ich sitze im Korbsessel in der Ecke gegenüber, habe die Beine hochgelegt und lausche der Musik.
Es läuft der erste Satz von Tschaikowskys Symphonie No. 1 – Träume einer Winterreise – von der erst kürzlich gekauften CD. Ich schließe die Augen, lasse mich von Flöte und Fagott wehmütig wegtragen, die sich mit schneller werdenden Violinen aus dem Hintergrund vereinigen, um dann im Höhepunkt auf Bratschen und tiefe Streicher zu treffen. Eine Soloklarinette leitet das Hauptthema in eine sanfte Melodie über, die dann von einer sehnsuchtsvollen Oboe weitergeführt wird. Eine Träne läuft über mein Gesicht, ich sehe Pferdeschlitten in einer tief verschneiten, weiten Landschaft im Vollmondlicht. In diesem Moment erhebt sich Paula und heult wie ein Wolf. Sie tut es zum ersten Mal, und genau an dieser Stelle bei dieser Musik. Später wird sie es viele Male wieder tun, immer nur an dieser Stelle, nur bei dieser Musik. Ich bin tief berührt. Leise flüstere ich: »Paula, meine Paula.« Kaum merklich neigt sie ihren Kopf zu mir herüber. 
Weißt du, ich war auf Wanderung mit meinen Urahnen  …                                  Zurück

 

Auszug aus dem Buch von Gisela Gersch-Gernoth:  Mein Haus mein Hof, mein Rudel, S. 151 - 154
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