Die Retterin des Glücks

Eine schwere, mit Lederhandschuhen bezogene Faust hämmerte gegen die massive Holztür.

»Hohoho«, schallte es verzerrt. Dazu kamen ein dumpfes Glockenläuten und eine Stimme, tief wie ein Kontrabass. Als sich die Tür von außen öffnete, trat ein maskierter Mann ins Wohnzimmer und verdunkelte augenblicklich das einfallende Licht des Flures. Keine Sekunde später brach die Hölle los.

Das scheinbar finsterste Ende (m)eines Albtraums beruhte auf einer wahren Begebenheit.

Weihnachten!

Hört meine Geschichte und die von der Englischen Bulldogge Maggie, der Retterin des Glücks.

Seit ich 2000 den griesgrämigen Grinch im Kino gesehen hatte, war mir klar: Ich war wie er. Ich konnte nichts dagegen tun. Doch wie sollte ich das meinen Lieben beibringen? Für sie war Weihnachten das Fest der Familie und der Besinnlichkeit. Ja, was denn nun? Besinnlichkeit oder Familie?

 

Besinnlich war für mich ein Fest ohne kitschige Weihnachtsdeko, ohne Weihnachtslieder und vor allem ohne kreischende Neffen und Nichten, die jedes Jahr von Geschenken fast erschlagen wurden. Vor allem aber widersprach sich Besinnlichkeit für mich mit  »Last Christmas«,  »Drei Haselnüsse für Aschenbrödel« in Endlosschleife und der  »Helene Fischer Show«.

Allein mit meiner Maggie auf der Couch. Das wär’ s! Mein Glück wäre perfekt. Denn auch in der Weihnachtszeit blieben unsere Berliner Stadtwohnung und der Schrebergarten quietschbunt und exotisch. Einzig das Eichhörnchenhaus zwischen den blätterlosen Weinranken verlieh neben dem wie ein Pinsel zusammengebundenen Pampasgras ein bisschen winterlichen Flair. Das war mein Paradies. Hier wollte ich sein. Auch oder gerade zum Weihnachtsfest. 

Wir arbeiteten nur so viel, wie wir mussten, und lebten und genossen so viel, wie wir konnten. Materielle Sachen waren nebensächlich. Das Leben meinte es gut mit uns.

Ich war ein echter Glückspilz, zumindest an 362 Tagen im Jahr.

Neben meiner Frau war mein allergrößtes Glück in dieser Welt unser Bulldoggmädchen, etwas dicklich, mit sonnigem Gemüt und einem Herz aus Gold. Wenn Maggie morgens ihre rehbraunen Augen aufschlug, herzhaft gähnend den Kopf im Körbchen hob und sich streckte, leuchteten auch meine Augen. Ihr braun-weißes Fell glänzte in der hereinscheinenden Sonne, ihre Augen strahlten und ihre stoische Gemütlichkeit vereinte sich mit meiner. 

Ich hatte mein Glück gefunden, wollte es bewahren und niemals herausfordern. 

Einmal im Jahr jedoch wurde es strapaziert. Eigentlich überstrapaziert. Nein, es verließ mich für sage und schreibe drei Tage gänzlich. Dann fühlte ich mich leer, gestresst, genervt und erkannte mich selbst nicht wieder.

Und auch dieses Jahr sollte es für uns kein gemütliches, gemeinsames Weihnachten auf der Couch geben. Dieses Jahr sollte unsere Maggie zum ersten Mal das komplette Weihnachtschaos, äh, Fest meiner Schwiegerfamilie kennenlernen. 

Am frühen Morgen des Heiligabends, an dem Maggie mein Glück rettete, starteten wir von Berlin in Richtung Thüringen, der Heimat meiner Frau. Geschlagene vier Stunden quälten wir uns mit dem Auto, um 250 winterliche Kilometer zurückzulegen, bei Wetterbedingungen, die man eigentlich bei einer Durchquerung Grönlands erwartet hätte.

»Es ist nicht ein einziger Parkplatz mehr frei«, stöhnte ich.  »Das geht ja schon gut los.« 

»Komm Schatz, stell ich dich einfach erstmal in die Einfahrt«, beschwichtigte meine Frau und schnappte sich nach dem Einparken Maggie und die Geschenketüte.  »Gemeinsam packen wir das!« 

Ein Lächeln huschte über unsere Gesichter. Doch schnell wurden wir in unserer Fröhlichkeit ausgebremst.

»Seid ihr auch endlich da?«, brummelte uns meine Schwiegermutter entgegen.  »Wir haben noch so viel vorzubereiten. Helft doch mal schnell.« Meine Schwägerin Maria nickte mir kurz von der Couch aus zu.

Mein  »Hallo, ihr zwei, schön euch zu sehen!« ging dabei direkt unter. Einmal Gast sein dürfen und nichts machen müssen, dachte ich still. Oder einfach über Weihnachten wegfliegen. Das wär’  s! Noch nicht zu Ende gedacht, drückte die Hausherrin mir auch schon eine Einkaufsliste in die Hand.  »Kannst du noch mal schnell ins Kaufland fahren? Wir haben was vergessen.« 

»Wir? Warum kann denn nicht Maria einkaufen fahren?« Mein Kopf zuckte in Richtung Wohnzimmer.  »Schaut die schon wieder Netflix?« 

Ich erntete nur strenge Blicke. 

»Hör auf zu stänkern. Du weißt genau, dass sie das beruflich macht. Sie muss sogar jetzt am 24. arbeiten, die Arme.« 

»Für Netflix?« 

»Nein, sie ist doch Blockerin oder Influenzarin, oder wie das heißt.« 

Bei dem Wort Influencerin musste ich sofort an Grippe denken. Meine eigentlich arbeitsscheue Schwägerin arbeitete jetzt also schwer hinter ihrem iPad. Nur gut, dass man dabei auch rauchen konnte. Schwere Arbeit brauchte einen Ausgleich. Ein Grummeln durchfuhr meine Magengegend. Meine Frau, die mir folgte, erkannte die Vorboten sofort und lächelte verschmitzt:  »Schatz, da müssen wir durch.« Auch meine Maggie witterte den Ärger in der Luft. Wir schauten uns an. Aber ein Blick in ihre treuen, braunen Hundeaugen genügte und sie gab mir durch ein Runzeln Ihrer Falten zu verstehen: auf ins Getümmel, Herrchen. Jetzt wird es ernst.

Ich zwinkerte ihr zu. Sie verstand mich ohne Worte und wusste, wie dankbar ich für ihre Anteilnahme war.

Kopfschüttelnd gab ich meinen Widerstand auf.  »Na los, Hase, wir müssen ins Kaufland. Kommst du?« 

Doch meine Frau antwortete, irgendwo, entfernt im Haus:  »Ich kann nicht mitkommen, Schatz. Ich muss noch alle Geschenke für die Kinder einpacken. Das sind so viele, ein Riesenstapel. Da brauche ich noch Stunden.« 

Warum haben die die nicht schon längst eingepackt? Die liegen doch nicht erst seit gestern in unüberschaubaren Stapeln auf dem Dachboden. Doch wieder blieb ich stumm. Mein inneres Stress-Wetter-Barometer signalisierte aufziehende Gewitter. So fuhr ich missmutig in den vollkommen überfüllten Einkaufsmarkt, um die fehlenden Reste für das Festtagsmenü einzukaufen. Wohlgemerkt, eine Zitrone und einen Becher Schlagsahne. Die Zitrone passte zu meiner Stimmung. 

Auf dem Rückweg stolperte ich fast über Maggie, die fröhlich aus dem Garten gerannt kam.  »Ich komm noch früh genug zurück ins Weihnachtschaos«, murmelte ich leise, stellte die Minieinkaufstüte ab und knuddelte meine kleine dicke Fellmurmel. Sie spürte meine Anspannung und warf mir einen mitfühlenden Blick zu. Plötzlich stupste sie mich mit ihrer feuchten Hundenase an und schien mir Mut machen zu wollen.

»Sei froh, dass du ein Hund bist, Maggie. Da bleibt dir viel erspart.« Sanft streichelte ich über ihr Fell, seufzte und wollte gerade entspannt durchatmen, da ertönte von drinnen die mütterliche Stimme:  »Kannst du dich bitte mal beeilen? Ich brauche die Einkäufe in der Küche. « 

Wohl wissend, was mich jetzt erwartete, betrat ich das Haus und stieß fast mit meiner Frau zusammen. Wie einen Turm von Bausteinen balancierte sie die verpackten Geschenkkartons vor ihrem Körper.  »Warte, ich stell nur schnell den Einkauf in die Küche, dann mach ich dir auf. « 

Hinter der Wohnzimmertür wurden wir geradezu von einer Horde wild gewordener Kinder und Erwachsener bestürmt.  » Schön, dass ihr auch schon kommt, Onkel Tommi. Wir dachten schon, ihr kommt gar nicht mehr. Wir wollen endlich Geschenke auspacken. « 

»Kinder, Kinder, Weihnachten geht es doch nicht nur um Geschenke, es geht doch um … « Mitten im Satz wurde ich unterbrochen. Verständnislose Augenpaare schauten mich fragend an. Mein Bauch grummelte vor Hunger. Betrübt stellte ich fest, dass mein Plan, vor der Bescherung in Ruhe zu essen, nicht funktionieren würde. Kraftlos ließ ich mich in den Sessel fallen und ergab mich meinem Schicksal. 

Mit Maggie auf der Couch. Das wär ’ s! Alles wäre besser als so ein Heiliger Abend zwischen völlig überzuckerten, hyperaktiven Neffen und Nichten, die im Akkord nach dem Weihnachtsmann riefen, dem aufgedrehten Mops der Schwägerin und der halb tauben Oma, die in der Lautstärke eines startenden Düsenjets gegen die Geräuschkulisse ansprach.

Nur eine saß ganz entspannt zwischen meinen Füßen: Maggie.

Doch mein Glück hatte sich trotzdem in den schwärzesten aller Albträume verwandelt. Da half auch das sonst so beruhigende Grunzen von Maggie nichts.

Die Familie war nun fast vollzählig im Wohnzimmer versammelt. Nur Schwiegervater fehlte. Der Kamin heizte die Raumtemperatur steil nach oben, die Luft waberte, mein Blutdruck stieg ins Unermessliche. Auch die Kinder und Hunde wurden unruhiger. Es war kaum zum Aushalten. Und dabei ging es gerade erst los. Als ich mich resigniert dem Chaos ergab, berührte mich etwas Kaltes. Maggie stupste mich sanft an meine herunterhängende Hand, sah zu mir hoch und – zwinkerte mir zu. Hatte sie mir wirklich zugezwinkert?

Doch sofort wurde ich wieder zurückgeholt, als klebrige Kinderhände auf meine Oberschenkel schlugen und im Kanon riefen, was sie alles vom Weihnachtsmann zu bekommen hofften. Der Mops der Schwiegermutter zerrte das Lametta vom Weihnachtsbaum und Oma rief gegen die Geräuschkulisse:  »Ja, ist denn heute schon Weihnachten?« 

In diesem Moment hämmerte eine schwere, mit Lederhandschuhen bezogene Faust gegen die massive Holztür.  » Hohoho «, schallte es verzerrt. Dazu kamen ein dumpfes Glockenläuten und eine Stimme, tief wie ein Kontrabass. Als sich die Tür von außen öffnete, trat ein maskierter Mann ins Wohnzimmer und verdunkelte augenblicklich das einfallende Licht des Flures. Keine Sekunde später brach die Hölle los. Mein Schwiegervater stand mehr oder weniger schlecht verkleidet im Türrahmen und wankte herein. Dumpfe, laute Töne entglitten seinen Stimmbändern.  »Hohoho, hier kommt der Weihnachtsmann!« Dazu schwang er eine alte, schwere Kuhglocke, hielt in der anderen Hand die Rute. Sämtliche Kinder verstummten sofort.

Auch der Mops zog sich quietschend hinter den Sessel zurück.

Nur Maggie blieb ruhig, zwinkerte mir erneut zu. Dann stürmte sie nach vorn, knurrte, bellte und stellte das sonst so seidige Fell auf. Erst wenige Zentimeter vor dem Weihnachtsmanndouble hielt sie an. Der Kostümierte ließ starr vor Schreck die Rute fallen und wich zurück.  »Wer bist du denn? Warst du denn auch ein braver Hund? «, versuchte er die Situation zu retten.

Doch das war Maggie egal. Sie ließ nicht nach und bellte geflissentlich weiter. Nur einmal, ganz kurz, schaute sie zu mir zurück, direkt in meine Augen. Da begriff ich es endlich:  »Aus, Maggie. Nein! « 

Keine Reaktion.

»Die beißt den Weihnachtsmann «, riefen die Kinder im Chor.  » Unsere Geschenke! «, schallte es aus den Mündern, die ihre imaginären Wunschzettel davonschwimmen sahen.

»Maggiemaus, aus! Lass das!« Doch Maggie drehte mir nur wieder ihren kleinen hübschen Dickkopf zu und bellte energisch und unverdrossen weiter. 

Du bist so clever, mein Mäuschen, dachte ich im Stillen und rief:  »Sie hat sich bestimmt nur erschreckt. Ist doch alles neu für sie. Ich nehme sie und geh mit ihr hoch ins Esszimmer. Ihr feiert einfach weiter .« Gesagt, getan.

Mit Maggie auf dem Arm stieg ich die Treppe hinauf, setzte sie auf die Couch, gab ihr einen dicken Schmatzer auf die Wange. Dann holte ich einen Teller voll mit Kartoffelsalat und legte genüsslich zwei Würstchen für uns beide darauf.

Während ich mich neben Maggie setzte, zwinkerte ich ihr diesmal zu und spürte, wie mein Glück zurückkehrte. Mit jedem Bissen ein wenig mehr.

Danke Maggie!

Text: © Thomas Pfeiffer

Zeichnung: © Nicole Pfeiffer

 

Die Geschichte ist dem Buch "Hundherum Heldenhaft" 

entnommen.

 

 

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