Silvester mit Gästen und Likörbohnen

30.Dezember 2018


Der letzte Tag des alten Jahres ist angebrochen und damit der Beginn eines neuen fast erreicht, eines mit Dackel! Nach dem üblichen Weihnachtstauwetter ist es über Nacht wieder frostig geworden. Klare Luft, blauer Himmel und Puderzuckerschnee: Traumwetter für den Jahreswechsel. Hanna greift nach Halsband und Leine. Inzwischen amüsiert sie sich bei dem Gedanken daran, was für ein Kampf es noch vor einigen Tagen war, Hermann für einen Spaziergang hundegerecht einzukleiden. Legt sie ihm jetzt das Halsband an und befestigt die Leine, erntet sie immerhin schon ein vorsichtiges Schwanzwedeln. »So, Hermann, bevor die Gäste eintrudeln, gehen wir beide noch ein Stück! Dann hast du bessere Laune und bist vielleicht etwas netter zu unserem Besuch. In meinem Freundeskreis gibt es nämlich nur Menschen, die Hunde mögen, von denen hast du nichts zu befürchten außer einer Bitte um Körperkontakt in Form von Streicheleinheiten!« Hermann liebt lange Spaziergänge genauso wie sie. Noch traut Hanna sich allerdings nicht, ihm Freilauf zu gewähren, und so führt sie ihn an der Leine. Irgendetwas hat Hermann bei der Leinenführung allerdings bisher falsch verstanden. Nicht er will geführt werden, sondern er möchte selber führen, und so zieht er Hanna von links nach rechts und von vorne nach hinten, um ja keine für ihn interessante Duftspur zu verpassen. Hanna hat sich vorgenommen, Hermann ab sofort ihre Sicht der Leinenführigkeit beizubringen. Stehenbleiben und unerwartete Richtungswechsel ihrerseits werden als verbindliches Pflichtprogramm in den Spaziergang eingebaut und die Wirkung bleibt tatsächlich nicht aus. Manchmal reicht zum Ende des heutigen Spaziergangs schon ein leichtes Zupfen an der Leine, um zu erreichen, dass Hermann nicht zieht, zumal Hanna dieses Verhalten sofort mit einem Stückchen Käse belohnt. Ein toller Anfang! 

Die Vorbereitungen für den Abend sind abgeschlossen, nur ein paar Süßigkeiten für den späten Hunger muss Hanna noch bereitstellen. Die mit Alkohol sind zu einem solchen Anlass immer sehr begehrt und so finden Likörböhnchen und Co. ihren Platz in einer dekorativen Glasschüssel. Sie werden bis zu ihrem späteren Einsatz ganz hinten auf der Küchentheke geparkt. Dackel sind zwar klein, aber sie können sich ohne Ende lang machen. Hermann ruht nach ausgiebigem Spaziergang schon in seinem Körbchen und ausnahmsweise bindet Hanna ihn heute mit seiner Leine am Heizkörper fest. Das gibt ihr die nötige Gewissheit, dass er nicht in einem unbeobachteten Moment raum- und vielleicht sogar gästegestalterisch tätig wird.

Mehrfach ertönt die Türglocke. Schnell füllt sich das Wohnzimmer mit den Geladenen, die nach kurzem Stehempfang ihre Plätze an dem liebevoll eingedeckten und dekorierten Esstisch einnehmen. Geschäftig bietet Hanna immer wieder Klöße, Rostbraten und Rotkohl an, bis sich die nachmahlzeitliche Sättigungsstille ausbreitet und nur noch der Wunsch nach Rotwein besteht. Keinen einzigen Dackel-Bettelblick hat Hermann in Szene gesetzt, was aber nicht der Tatsache zu verdanken ist, dass er sein Festessen in Form von Rind mit Buchweizen schon vor der Ankunft der Gäste einnehmen durfte und satt ist. Nein, er ignoriert die muntere Schar aus Überzeugung. Und nur, wenn jemand zu deutliches Interesse an ihm dokumentiert und ihm intensiv in seine weit geöffneten Augen blickt, grinst er ihn unmissverständlich an. Ob ihm davon heiß wird oder von der Heizungswärme, lässt sich schwerlich ermitteln. Fest steht nur, dass er schwitzt und seine Zunge immer länger wird.

Allmählich zeigt der Rotwein Wirkung und es wird laut und lustig im Wohnzimmer. Immer wieder schenkt Hanna nach, wobei die Gäste durch die Wirkung des Alkohols genauso ins Schwitzen geraten wie Hermann. Glücklicherweise werden ihre Zungen dabei aber nicht länger, sondern nur schwerer. Entspannte Party-Atmosphäre macht sich breit. Hermann hat trotz gelegentlicher Blickkontakte mit den Besuchern seine Zähne schon länger nicht mehr gezeigt. So ist es nicht verwunderlich, dass man auch dem Hund diese gute Stimmung verschaffen möchte.

»Hanna, das Hermännchen sitzt jetzt schon seit Stunden festgebunden an der Heizung! Du kannst uns nicht erzählen, dass ihm das gefällt. Mach ihn doch wenigstens mal los. Wir beachten ihn einfach gar nicht, versprochen! Los, Hanna, gib dir einen Ruck. Es passiert schon nichts!« Unentschlossen zieht Hanna die Augenbrauen hoch. Sie überlegt ja selber seit einer ganzen Weile, ob sie nicht mit ihrem kleinen H heute einen Test auf Gäste-Verträglichkeit durchführen kann. Wenn sie sein Halsband nicht abnimmt, ist ein Sicherheitsgriff möglich und das Risiko eines Hermann-Angriffes auf Hosenbeine, blickdichte Strumpfhosen und darin befindliche Waden minimiert. Und irgendwann muss sie Hermann sowieso mehr Freiheit gewähren. Er ist ja nicht verpflichtet, das Angebot anzunehmen, kann in seinem Körbchen bleiben.

Macht er auch bis Mitternacht. Punktum richten sich zuerst die Ohren, dann der ganze Dackel auf und der begleitet Böller und Feuerwerk mit einem stimmgewaltigen Geheul, das keinen Zweifel daran aufkommen lässt, wer seine Urväter waren. Schussfest ist Hermann in der Tat nicht, denn als das Getöse kein Ende nimmt, packt ihn die Angst und er flüchtet wie am ersten Tag hinter das Sofa. Dort hockt er zitternd und hechelnd und bietet ein Bild des Jammers. Hanna weiß, dass sie jetzt als Rudelführerin Ruhe bewahren und Sicherheit ausstrahlen muss. Also setzt sie sich neben das Sofa auf den Boden, streichelt Hermann, bemitleidet ihn aber nicht, sondern spricht mit ihm und bewundert gleichzeitig das Farbenspiel der explodierenden Raketen, so weit ihr stark eingegrenztes Blickfeld das zulässt.

Ein Fest sollte immer verlassen werden, wenn die Stimmung auf dem Höhepunkt ist. Das beherzigen Hannas Gäste und verabschieden sich kurz nach Mitternacht. Der Abschied gestaltet sich wortreich wie immer, neue Termine für weitere Treffen werden angedacht, und es dauert eine ganze Weile, bis der letzte Gast die schwere Hürde des Treppensteigens genommen hat und in bedenklicher Schräglage auf unsicheren Beinen in Richtung Heimat torkelt. Selbstverständlich nur wegen der witterungsbedingten Glätte.

Im Wohnzimmer erwartet Hanna ein Szenario, mit dem sie niemals gerechnet hätte. Hermann scheint krank zu sein, sehr krank sogar. Wie entfesselt dreht er sich im Kreis und bemüht sich mit aller Kraft, seine Rute zu fangen. Rechts herum, links herum, alles in rasender Geschwindigkeit, sodass er schon anfängt zu taumeln. Hanna hat sehr aufmerksam die Anzeichen diverser Hundekrankheiten studiert, doch diese Symptome passen zu keiner der aufgeführten. Der Versuch, Hermann zum Anhalten zu bewegen, scheitert kläglich. Er sorgt eher dafür, dass ihr Dackel seinen Rundlauf auch noch akustisch untermalt und in sämtlichen Tonlagen jault und heult. Schon hält Hanna den Telefonhörer in der Hand und sucht hektisch nach der Nummer des tierärztlichen Notdienstes, als Hermann fast übergangslos umfällt. Er wälzt sich auf dem Perserteppich und einzig seine Stimme funktioniert noch zuverlässig. Die Seite mit den Rufnummern der Tierärzte hat Hanna endlich aufgeschlagen, als ihr eines ihrer Kristallgläser ins Auge fällt. Es liegt stiel- und stillos auf dem weißen Damast-Tischtuch, umgeben von bordeauxroten Flecken, die verdächtige Ähnlichkeit mit Abdrücken von Hundepfoten haben: eindeutig eine Hermann-Spur. Sie führt zu der Glasschale, in der erstaunlich viele Likörbohnen die Hungerattacken der Gäste überstanden hatten. Und jetzt ist sie vollkommen leer. Hanna legt das Telefonbuch aus der Hand, den Hörer zurück auf seine Lade-Station und schaut sich ihren Hermann an. Der liegt inzwischen schnarchend auf dem Teppich und zuckt nur ab und zu mit den Läufen und der Spitze der Rute. Betrunken ist er, sternhagelvoll! Fraglich ist für Hanna nur noch, wie man bei Hunden einen ausgewachsenen Kater therapiert. Rollmops und Kaffee zum Frühstück, Eisbeutel auf den Kopf oder Aspirin für Hunde? Gibt es das überhaupt???

Auszug aus dem Dackelbuch von Annette Küper: Schon wieder das letzte Wort